Pressemeldung/2006-10-18
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Klagewelle der Musikindustrie schadet vor allem ihr selbst
Zusammenfassung
Die jüngste Klagewelle der Musikindustrie, die unter anderem auch zahlreiche Österreicher getroffen hat, sollte als Anlass gesehen werden die Hintergründe dieser Praktiken zu hinterfragen.
Die Industrie beruft sich auf Umsatzverluste, bezeichnet Kopierer als Diebe und behandelt Kunden wie solche. Es gibt aber keine Schwarz/Weiß Trennlinie zwischen Kunden und Nutzern von Tauschbörsen und so trifft die Klagewelle vor allem zahlende Kunden. Auch der angebliche Umsatzverlust durch Privatkopien muss kritisch hinterfragt werden: Unabhängige Studien belegen: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Tauschbörsen und dem Umsatzrückgang der Musikindustrie. Auch stellt sich die Frage, warum zahlende Kunden bestraft werden (DRM) und es noch keine vernünftigen kommerziellen Angebote gibt. Künstler zur Klagewelle: "Fans zu verklagen ist nicht die Lösung, sondern das Problem".
Text
In den letzten Jahren hat die Musikindustrie über 30.000 Benutzer von Tauschbörsen verklagt und nach kürzlichen Pressemeldungen zu Folge werden bald weitere 8.000 dazu kommen, unter anderem zahlreiche Personen aller Altersgruppen aus Österreich und Deutschland. Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation kritisierte bereits neben der dubiosen Vorgehensweise auch, dass die so eingenommenen Millionenbeträge nur weitere Klagen finanzieren statt den (angeblich) geschädigten Künstlern zu Gute kommen.[1]
Nutzen der Klagewelle ist zweifelhaft
Die betroffenen Nutzer werden zur Zahlung von 3000 Euro aufgefordert, um eine Klage abzuwenden. Bei angegebenen Streitwerten im fünfstelligen Bereich nehmen die Beschuldigten die Bürde eines Gerichtsverfahrens nicht auf sich. Hier ist zu fragen, ob diese unrealistisch hohen Summen zu einer Privatjustiz abseits der Gerichte führen.
Die angezielte abschreckende Wirkung dieser Verfahren bleibt jedoch aus: die Klagen haben keine Auswirkungen auf die Anzahl der Filesharer. Schießt man hier nicht mit Kanonen auf Spatzen?
Tauschbörsen führen nicht zu Umsatzeinbußen
Der Hauptgrund für diese Klagewelle sind die angeblichen Umsatzeinbußen durch die privaten Kopien. Unabhängige Studien belegen aber: es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Privatkopien und dem Umsatzrückgang in der Musikbranche. Stattdessen sei dieser vielmehr auf die gestiegenen Bedeutung von anderen Unterhaltungsmedien (DVDs, Spiele, digitales Radio, ...) zurückzuführen. [2] Teilweise sind diese Probleme auch hausgemacht: Die AK kritisierte kürzlich die Mangelhaftigkeit kommerzieller Angebote.
Schon als Kasettenrecorder aufkamen argumentierte die Musikindustrie in die gleiche Richtung – der private Austausch von Musik zerstört den kommerziellen Markt. Die aktuelle Situation mit den Internettauschbörsen ist ähnlich, anscheinend stellt sich die Musikindustrie wiederum gegen eine technologische Neuerung quer.
Hausgemachte Probleme: Die Kriminalisierung der Kunden
Die betriebene Schwarz-Weiß Malerei der Musikindustrie – entweder man ist ein Kunde oder ein Dieb – trifft nicht zu. Jeder Kunde tauscht auch privat im Internet Musik und jeder Tauschbörsennutzer kauft CDs. Das heißt die Klagewelle der Musikindustrie trifft vor allem ihre eigenen Kunden. [3]
Gleichzeitig gibt es keine vernünftigen legalen Angebote: Wer als Kunden einen Euro für ein iTunes Lied bezahlt bekommt dafür eine Datei, die sich nur auf Apples MP3 Spielern anhören lässt - eine quasi kaputte Datei. Besitzt man ein Gerät eines anderen Herstellers, so kann diese Musik nicht angehört werden – Digital Rights Management sei Dank . Diese Probleme kritisiert unter anderem die Arbeiterkammer bei einem kürzlich veröffentlichten Test verschiedener Musikportale. [4]
Zahlende Kunden werden somit bestraft, während Tauschbörsennutzer diese Einschränkungen nicht treffen.
Neue Möglichkeiten nutzen
Warum werden Kunden bestraft wenn sie bezahlen? Wann gibt es einen "legalen" Musikshop, dessen Musik nicht defekt ist? Es existiert eine immense Nachfrage nach digitaler Musik, sie muss nur noch befriedigt werden. Das gelingt der Musikbranche zurzeit bei weitem schlechter als diversen Tauschbörsen.
Bevor die Musikindustrie durch diese Klagewellen und vorsätzlich defekte Produkte alle Kunden verliert muss ein radikales Umdenken einsetzen.
Immer mehr Startups haben die Vorteile des Interntes erkannt: Entsprechend entwickeln sie Geschäftsmodelle bei denen der Urheber profitiert, je mehr das Werk kopiert wird. Das steht in klarem Kontrast zu "alten" Geschäftspraktiken, die nur funktionieren können, wenn man die grundlegende Fähigkeit des Internets, nämlich Bits zu kopieren, verschlechtert. Nur Geschäftsmodelle die auf den Wünschen der Kunden und auf den Fähigkeiten neuer Technologien aufbauen haben Zukunft. [5]
Unabhängige Bands nutzen bereits das Internet um durch kostenlose Musik bekannt und damit erfolgreich zu werden. Franz Ferdinand und die Arctic Moneys schafften so den Grundstein für ihre Karriere. Und immer mehr Labels sehen ein: Die eigenen Kunden verklagen hat keine Zukunft. So lautet das Motto der kanadischen "Music Creators Coalition", der unter anderem auch das Label von Avril Lavigne angehört [6]:
„Fans die Musik tauschen sind keine Diebe!“
Quellen
- ↑ http://www.eff.org/IP/faq/
- ↑ http://www.michaelgeist.ca/content/view/780/139/, http://www.lessig.org/blog/archives/danish_filesharing.pdf
- ↑ Nur durchschnittlich fünf Prozent der auf einem iPod gespeicherten Lieder kommen aus Apples eigenem Online-Shop. Der Rest stamme aus eigenständig gerippten CDs oder aus Tauschbörsen. Das heißt: man kann mobile Musikfans nicht in Käufer und Raubkopierer unterteilen. Auch Käufer laden weiter kostenlose Songs aus dem Netz. Der neue Vertriebsweg über Online-Shops hat nach Ansicht der Studienverfasser zudem nicht grundlegend den Weg des Musikerwerbs verändert – wer viel Musik auf einem mobilen Player höre, kaufe auch mehr CDs. http://www.heise.de/newsticker/meldung/78287
- ↑ Wer sich Musik aus dem Web herunterlädt, scheitert oft schon an der Technik, braucht jedenfalls viel Zeit und Geduld. Das zeigt ein AK Test bei neun Musikportal-Anbietern vom Juli und August. Für User gibt es sehr viele Hürden: zuerst zahlen, aber nichts hören, wenn Dateiformate von Anbietern, am PC und/oder Abspielgerät nicht zusammenpassen, aufwändige Registrierungen, lange, verwirrende Geschäftsbedingungen. „Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, was man für den Preis bekommt“, schlussfolgern die AK Konsumentenschützer. http://wien.arbeiterkammer.at/www-397-IP-31080.html
- ↑ Revver is a company that helps video creators add commercials to their short films, which creates a situation where the more a video is copied, the better it is for the creator. this is in marked contrast to the Hollysaurs, who are still pursuing improbably businesses that only work if they can make the Internet worse at copying bits. http://www.boingboing.net/2006/10/17/tonight_in_la_revver.html
- ↑ http://laut.de/vorlaut/news/2006/02/02/01324/index.htm
Siehe auch
- http://ppoe.or.at
- http://wirhabenbezahlt.de
- http://www.eff.org/IP/faq/
- http://arstechnica.com/news.ars/post/20050627-5045.html
- What the music industry has is not a piracy problem, but a monopoly pricing problem. The "pirates" are just giving consumers the chance to purchase music in a real market. In asking the government to help them go after pirates, what the recording industry is really trying to do is get the government to help them work against the market by maintaining their monopoly pricing. It's ironic that in the name of "free trade" and commerce, Big Content is actually fighting to counteract the very market forces that they claim to champion.

